Tuesday, 3 January 2006

Cat Power - The Greatest

Mein erster Gedanke, in den ersten 30 Sekunden des Titelsongs ist “Lambchop"? Was tun all diese Instrumente auf einem Cat Power Album? Das Klavier, gut, hatten wir schon mal, wenn auch anders, als mantraartige Melodie im Hintergrund, aber Streicher? Die Angst bestätigt sich, als die Harmonie auch noch im 2. Track zu finden ist. Keine Wut, keine Verzweiflung, keine Mantras – das Wort, das mir einfällt, ist „nett“, aber nichts würde zum Beispiel „Cross-Bones Style“ weniger gut beschreiben.
„I lived in bars and danced on tables“. Chan klingt tatsächlich, als würde sie auf etwas zurückblicken, als hätte sie Frieden mit sich selbst und den vergangenen Alben geschlossen. Cat Power hat noch niemals zuvor so sehr nach Cocktailkleid und Barmusik geklungen. In der Vergangenheit hätte man ihr ein Glas Whiskey, nein, eine Flasche Whiskey in die Hand gedrückt, um ihren Schmerz zu ertränken. Jetzt ist es ein gesittetes Glas Martini.
Chan singt von Seemännern, die zu ihr zurückkehren sollen (auf „Islands). Was kommt als nächstes? Wird sie zwischen den Songs eine Anekdote erzählen, cool lachen und mit dem Publikum scherzen? Ist das die gleiche Frau, die einmal von ihrem Publikum verlangte, sie während des Konzerts nicht anzusehen? Die einen Auftritt in Köln abbrach, weil ein Mädchen „will you get through“ geschrieen hat? Auf „After it All“ erklingt Pfeifen wie bei „Always Look on the Bright Side of Life“.
Manchmal, in den Drum- und Gitarrenintros, glaubt man die alte Chan zu hören, bis die anderen Instrumente einsetzen – und „Empty Shells“ in eine regelrechte Country-Ballade verwandeln. Es geht immer um Liebe – das war vielleicht auch in der Vergangenheit so, aber bis jetzt konnte man das eben nicht genau sagen. Die Texte sind einfach zu zugänglich.
Auf den letzten 3 Tracks findet sich dann doch, auf was ich gewartet habe. Das Klavier spielt eine einfache Tonleiter, die Streicher geben ihren letzten Auftritt und verschwinden langsam. Woran liegt das, dass ich mit einer offensichtlich für ihre Verhältnisse glücklichen Chan Marshall nicht zurecht komme? Ich habe das gleiche Problem mit Bob Dylan. Seine Liebeslieder werden jedes Mal übersprungen, weil sie im Kontrast zu den anderen Liedern kitschig wirken. Ich mag Kitsch nicht.
Auf „Hate“ ist die alte Chan wieder da. Die Gitarre ist widerspenstig, der Text ist verschlüsselt. „I hate myself and i want to die“ – bereits in „I Don't Blame You” ging es um Kurt Cobain, jetzt weist sie nochmal eindeutig auf ihn hin indem sie einen Nirvana-Song zitiert. Ich frage mich, ob die ersten 9 ½ Songs des Albums vielleicht ironisch gemeint waren? Es ist selbstsüchtig, von Chan zu erwarten, für mich zu leiden, solange unglückliche Musik zu machen, bis ich selbst glücklich bin, aber wer sollte dies sonst für mich tun?
Der letzte Track, „Love + Communications“ (denn sie endet nicht mit „I Hate Myself and I Want to Die“) – ist eine Art Synthese. Vielleicht der bestarrangierte, massenkompatibelste Song, den sie jemals geschrieben hat. Es überrascht mich immer wieder, wenn ich bemerke, wie komplex ihre musikalischen Arrangements sind. Es hat lange gebraucht, bis mir auffiel, warum zum Beispiel „Free“ sehr ins Ohr geht, obwohl es ein simpler Song ist, mit repetitiven Lyrics – weil mir jeder neuen Strophe ein weiteres Instrument einsetzt. Man erwartet von Chan, dass sie ihre Gitarre nimmt und einfach zu spielen beginnt, dass ihre musikalischen Arrangements nicht so wichtig sind, weil sie ihre Stimmung vor allem mit ihrer immer ein wenig gebrochenen Stimme vermittelt – aber vielleicht ist das ein Irrtum. Vielleicht hat sie jetzt, mit 34, ihren Frieden gefunden. Auf jeden Fall macht dieses Album, das einen Bruch darstellt, neugierig auf das nächste.

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