Friday, 6 January 2006

Jeffrey Lewis - City and Eastern Songs

Antifolk ist eine große Familie. Ihre 3 bekanntesten Vertreter, Adam Green, Kimya Dawson und Jeffrey Lewis, haben alle eine besondere Eigenheit. Adam singt gerne über Schwänze, women with no legs uns wird deswegen von Landes- und Sprachgenossen weniger gemocht als zum Beispiel in Deutschland, wo das Verstehen optional ist. Kimya Dawson entpuppt sich im Nachhinein als melancholisch-naiver Teil der Moldy Peaches, deren traurige Geschichten auch mal ein bisschen zu kitschig geraten – aber wenn wir ehrlich sind, lieben wir die Feen und Ponys, die plötzlich auftauchen, schließlich hat auch der Kinderreim „Little Bunny Foo Foo“ seine Reize. Habe ich schon mal erwähnt, dass Punk kindisch ist? In unerwarteten Momenten werden beide politisch, Adam beklagt „I Want To Die Because The Government Lied“ und singt schon mal über den Präsidenten und Schwänze in einem Song. Kimya Dawson wird auf „Hidden Vagenda“ sogar explizit, was man dieser zerbrechlichen Stimme nicht zugetraut hätte, aber dafür nicht populistisch wie die Creekdippers ("I want to punch George Bush" entspricht der Michael Moore-Rhetorik, von der ich ehrlich gesagt genug habe, weil es scheinbar auch nicht zielführend ist, sich der Methoden des deklarierten Feindes zu bedienen, noch dazu, wo es so einen schalen Nachgeschmack im Mund hinterlässt).
Aber zu Jeffrey Lewis. Wie die anderen erzählt er gerne Geschichten, die meist in New York spielen und immer etwas mit ihm selbst zu tun haben. Dass er Comiczeichner ist, muss man nicht aus dem Cover erraten oder nachlesen, es wir in jedem Song erwähnt. Er macht das Dasein als Künstler zum Thema. Es geht um das Scheitern der Ambitionen.
Seine Freundin kämpft mit ihrer Angst vor Oktopussen und anderen unüberwindbaren Hürden des täglichen Lebens, in „Please Don't Be Upset“ tröstet er sie liebevoll, aber bei seinen existentiellen Ängsten („I guess my art is just lame“) reagiert sie mit der Aussage, dass er zu egoistisch sei.
In „Williamsburg Will Oldham Horror“ taucht Will Oldham auf. Der Text würde ein dünnes Buch füllen. Es geht wieder um die Kunst.
Jeffrey Lewis ist 27. Er denkt, dass er es nicht geschafft hat, und will sich bei dem älteren Künstler, der eine Art Britney Spears der Indiemusik ist, Rat holen. Er fragt ihn, ob dieser sich im Angesicht eines Neal Young und eines Bob Dylans nicht trotzdem unbedeutend fühlt, weil er weiß, dass er so etwas niemals erschaffen könnte. Zahlt es sich aus, keinen sicheren Job zu haben, auf Sozialhilfe zu leben, wenn die erschaffene Kunst nicht an diese Idole heranreicht? Aber Will Oldham antwortet nicht, er verprügelt Jeff bloß (und tut andere Dinge, die aus dem Text nicht hervorgehen und der Interpretation freigegeben sind). Zum Glück ist es nur ein Traum. Die Zweifel bleiben bestehen, aber vielleicht wird er das eine gute Album doch noch veröffentlichen.
„Something Good“ klingt fast wie Ska. Trotz der Zweifel kann man 2:10 lang richtig fetzen. Das ist kein Widerspruch.
Warum sollte die Artikulation der Angst vor Bedeutungslosigkeit und Scheitern nicht gerechtfertigt sein? Auf irgendeine Art und Wiese klingt er nie weinerlich. Was man Conor Oberst gerne vorwirft, trifft auf ihn nicht zu. Vielleicht liegt es an der Musik, die meist fröhlich bleibt, eine glückliche Antithese zu den Texten. Auf „anxiety attack“ glaubt man, den beschleunigten Herzschlag zu hören.
In „Time Machine reist er in der Zeit zurück, indem er sich zurückzählt.
Bilde ich mir das nur ein, oder klingt er auf „art Land“ ein bisschen nach Cursive? Emo lauert natürlich auf die Motive des Scheiterns. Jeffrey zeichnet Comic. Seine Songs sind Comics im Kopf. Jede Szene ein kleines neues Kästchen. Das ist das besondere. Ich glaube, er ist mein Lieblingsantifolkkünstler.

No comments: