Friday, 13 January 2006

The Laramie Project

Erst mal: ich bin nicht wegen des Themas auf diesen Film gekommen, es war Zufall, vielleicht eine besondere Art von Schicksal. Die schmale, schwarze Papierhülle zieht zwischen all den grellen Plastikprodukten die Aufmerksamkeit auf sich, der Titel lässt mich automatisch an das Blair-Witch-Project denken, was natürlich irritierend ist. Ich hatte davor noch nichts von Laramie oder Matthew Sheppard gehört. Gekauft habe ich die DVD wegen der Schauspieler, eine so große Anzahl an Menschen, wegen derer alleine ich mir einen Film ansehen würde, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Steve Buscemi, Clea DuVall, Janeane Garofalo, Christina Ricci…eigentlich ein absurder Grund, denn wahrscheinlich gibt es kaum einen Film, in dem der individuelle Schauspieler so weit hinter die Wichtigkeit der Rolle tritt.
Das Konzept – ursprünglich handelte es sich um ein Theaterstück von Moisés Kaufman und dem Tectonic Theater Project. Schauspieler und Regisseur fuhren kurz nach dem Mord and einem jungen Mann in die titelgebende Kleinstadt in Wyoming, und führten hunderte Interview mit den Einwohnern, um diese Dialoge dann zu spielen. Das Spektrum umfasst Freunde und Familie von Matthew, aber auch der beiden Mörder, unbeteiligte Personen, Menschen, die erst mit Matthew zu tun hatten, als er sterbend im Krankenhaus lag. Daraus entsteht ein umfassendes Psychogramm einer Stadt. Matthew Sheppard selbst kommt nicht vor – auch das Verbrechen wird nicht nachgespielt.
Wie konnte es überhaupt zu diesem hate crime kommen? Die Homophobie, die immer noch unter der Oberfläche der Stadt schwelt – der Satz, der zu oft fällt ist „live and let live“. Was bringt Menschen dazu, nach einem dermaßen brutalen Verbrechen in einem Interview zu äußern, dass man gegen Homosexualität sei – dass Matthew Sheppard zu einem bestimmten Teil selbst Schuld an seinem eigenen Tod war? Das Resultat ist nicht nur reine Betroffenheit, sondern Wut – vor allem auf einen der beiden Priester, auf die unbeteiligten Einwohner, die sich ein Urteil über Matthews Lebensstil anmaßen, auf den Hassprediger, der mit seiner Gruppe im Land umherzieht und ausgerechnet nach Matthews Tod auf Plakate schrieb, „Aids is God's Punishment for gays“.
Was bei vielen Filmen mit hohen Ambitionen schief geht, gelingt diesem Film. Er schlägt eine Brücke zwischen allgemeiner Aussage und detailliertem Portrait eines individuellen Falles – Matthew Sheppard wurde kurz nach seinem Tod das exemplarische Beispiel für hate crimes. Der Film verleugnet das nicht, verliert aber auch nicht das Detail aus den Augen, die konkrete Analyse.
Einzelne Interviews haben mich besonders berührt – der tiefreligiöse Junge, der Matthew Sheppard blutüberströmt an einen Zaunpfahl gebunden gefunden hat. An jedem Satz merkt man, sie sehr dies sein Leben verändert hat. Er maßt sich kein Urteil an – er ist persönlich betroffen und hält es für Gottes Wille, dass gerade er ihn gefundne hat.
Der Barkeeper, welcher in der Bar gearbeitet hat, in der Matthew von seinen zukünftigen Mördern angesprochen wurde. Joshua Jackson verkörpert den leicht arroganten, von sich selbst sehr überzeugten und immer im Mittelpunkt stehenden Mann perfekt, der sich andererseits auch schreckliche Vorwürfe macht, weil er davon überzeugt ist, dass er das Verbrechen verhindern hätte können. Aus irgendeinem Grund schafft es der Film, ganz ohne Manipulation der Fakten, trotz der schockierenden Darstellung der Brutalität, eine positive Grundhaltung zu bewahren, weil in einigen dieser Figuren eine Art von Menschlichkeit durchscheint, obwohl sie Matthew vorher nicht kannten. Die Polizistin, die überhaupt nicht wütend ist, sie hätte sich beinahe mit Aids infiziert, als sie Matthew ohne schützende Handschuhe losschnitt, und sie reagiert wütend auf einen Vorwurf ihrer Mutter.
Der Film gibt keine moralische Wertung ab, er gibt die Aussagen der Bewohner wieder, in all ihrer Vielfalt. Ich denke, dass man aus der Ferne ein sehr einseitiges Bild vom mittleren Westen der USA hat, in welchem alle Menscher homophobe Republikaner sind. Die Welt ist nicht einfach in Gut und Böse zu unterteilen.
Auch wenn Matthew Sheppard nicht selbst in dem Film vorkommt, erhält man von den Aussagen seiner Freunde, all der Menschen, die ihn kannten, einen Eindruck davon, wie freundlich, menschlich, schüchtern und positiv er war.
Dieser Film erzeugt keine falsche, konstruierte Betroffenheit, er erzeugt die Art von Entsetzen und Unglauben, die nur fundierte, gut gemachte Filme erzeugen können.
Die Eltern Matthews baten das Gericht, die Mörder ihres Sohnes nicht zum Tode zu verurteilen, weil es nicht in seinem Sinne wäre. Die Courage, die es gebraucht haben muss, den eigenen Hass beiseite zu legen, um einen letzten Wunsch des Sohnes zu erfüllen und damit den Mördern das Leben zu retten.
Der zweite Priester, der es sich nicht anmaßt, stellt die wichtige Frage: „what did we, as a society, do?“ Es ist schwer, die Art und Weise, wie viele über Homosexualität reden, von diesem Verbrechen getrennt zu betrachten und keine Zusammenhänge zu sehen.
Der letzte Satz kommt von Joshua Jackson. Es ist schwierig, nach diesem Film über die Leistung der Schauspieler zu sprechen – da sie weit hinter die Worte zurücktreten, die sie sprechen. Aber natürlich sind alle großartig. Joshua Jackson hat mich dann doch am meisten überrascht, weil ich ihn noch nie in einem anspruchsvollen Film gesehen hatte. In den Extras gibt es ein tolles Feature und Interviews mit Clea DuVall, Mark Webber und Joshua Jackson. Er schafft es, die Essenz des Filmes zu einigen Sätzen zusammenzufassen.
„I have a big problem with the word tolerance because it subjugates the person you tolerate. You not in a position of equals. If I'm tolerating you, I'm somehow putting myself above you that you need to be tolerated. I think it's much more about human compassion. Seeing yourself and the humans around you, whether or not you necessarily believe in what they believe in, how they act, what they are doing, just to maintain some level of human compassion, some connection of humanity between the two of you”.

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