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Thursday, 18 July 2013

Coming to terms with their own mobility

This dual interest in the material and fantasy worlds of his characters underscores Petzold’s engagement in transformational change: changes to individuals’ desires, dreams and fantasies amid our neoliberal moment. Individuals are recast at the molecular level as they, as he puts it, “become economic.” This becoming economic often entails a refashioning and refunctioning of an individuals’ desire in the direction of some material interest. But such refashioned desire does not dwell on some lack – his characters do not sit around pining – but rather becomes in Petzold’s plots disconcertingly productive, both professionally and personally.  
Senses of Cinema: Christian Petzold

Wednesday, 24 October 2007

The "cute" in electrocute

Dieser Konflikt zwischen Form und Inhalt, diese Versuch, zu erfassen, inwieweit mir persönlich Produkte das Gefühl vermitteln, sie hätten etwas mit meiner Identität zu tun und wären deswegen erstrebenswert und nicht bloß nützliche Gegenstände (das heißt, "Produkte" nicht im Sinne von Kulturgüter, Musik, Film und Bücher, sondern Schuhe, Kleidung, Gebrauchsgegenstände eben). Gestern war ich überrascht, als die von mir erwähnte Diskussion von Robert Misiks "Das Kultbuch" genau diese beiden Themenschwerpunkte meines Blogs verband - den Konsum und den von Chiapello und Boltanski beschriebenen "Neuen Geist des Kapitalismus" (ja, sie wurden namentlich erwähnt, nachdem mein Kopf schon fast danach schrie), der Kreativität von allen verlangt, in dem die Kreativität ein Imperativ ist, ein Zwang zur ständigen Selbstevaluation, Erneuerng, Flexibilität und Offenheit. Bröckling widmet dem in "Das unternehmerische Selbst" ein ganzes Kapitel.

"Bemerkenswert ist nicht nur die eklatante Kluft zwischen globaler Diagnose und individualistischer Therapie, also der unerschütterliche Glaube daran, dass die Lösung der Menschheitsprobleme beim Einzelnen zu beginnen habe, sondern auch die Kopplung von Kreativität und psychischer Gesundheit. [...] Was die Gesellschaft als Ganze dringend benötigte, sollte zugleich das sein, worin die Einzelnen sich selbst finden - eine Psychologisierung des Sozialen, welche den bei Freud noch tragischen Konflikt zwischen Sollen und Wollen in eine Win-win-Situation überführt. Werde, was du bist, und du wirst sein, was wir brauchen, lautete die Devise."

Bröckling, S 164f

Das Problem, das ich hier immer wieder anspreche ist, dass sich kein Teil des persönlichen Lebens diesem Zwang entziehen kann, dass alles verschwimmt, und ich habe immer das Gefühl, jene Menschen, die unter diesem Regime erfolgreich sind, verlieren sich da selbst.
Gleichzeitig wird vorgetäuscht, dass man durch besonders kreativen, individuellen Konsum seine eigene Identität retten könnte (Misik hat dazu die schöne Beschreibung "Alternativ-Konsum-Idioten" gefunden) - Damit ist nichts mehr nur ein Gebrauchsgegenstand, sondern sogar schon die Entscheidung über den täglichen Brotkauf (bzw. das Selberbacken von Brot) wird zu einem "Ausdruck der eigenenen Individualität". Und das beschreibe ich ja nicht von außen, das könnte eigentlich überhaupt GAR NIEMAND von außen beschreiben, sondern höchstens von innen, weil ich davon überzeugt bin, man muss sich dessen immer bewusst sein.
Im übrigen hätte ich die Veranstaltung vielleicht noch ein bisschen schmackhafter machen können, in dem ich erwähnt hätte, dass unter anderem Diedrich Diederichsen (derzeit an der Akademie der Bildenden Künste in Wien tätig), die Kulturmanagerin Doris Rothauer und als Moderator Armin Thurnher anwesend sein würden. Einerseits also die Perspektive dessen, der beruflich über die Kultur reflektiert, andererseits die, die "an der Schnittstelle zwischen Kunst und Ökonomie sitzt", und die Kunst verwertbar macht.
Der Akademische Diskurs über die neue Richtung des Kapitalismus (entweder als "Verschwörung", die etwa Gewerkschaften durch eine ganz neue Art der teilweise freiwillig gewählten Prekarisierung untergräbt, oder die dem Kapitalismus eigene Fähigkeit, Kritik zu assimilieren und für sich nützlich zu machen, wobei hier vor allem die Borg-Analogie schön passt, oder eine unabwendbare, gewissermaßen "natürliche" Reaktion auf die neuen Technologien) hat inzwischen schon Einzug in die Popkultur gefunden - wobei ich immer ein bisschen das Gefühl habe, dass er sogar den Ursprung dort hat. Es war vielleicht nur ein Zufall, dass ich dieses Seminar über "Managerialismus" genau in jenem Semester besucht habe, in dem Tocotronics "Kapitulation" erschienen ist - aber genau diese Zufälle versuche ich ja in diesem Blog und in cellar door zu erfassen. Der zentrale Gedanke, der für mich ganz genau beschreibt, wie ich mich fühle, und zwar sowohl persönlich als auch politisch:

"Sag alles ab / geht einfach weg / halt die Maschine an / frag nicht nach dem Zweck [...] / du musst dich doch nicht bemühen / die Bäume werden doch auch von selber grün"

Und das ist überhaupt nicht als Aufforderung zu einem Rückzug in das kleine private Reich zu sehen, das geschützt von der großen Welt Sicherheit und, ich weiß nicht, Kuscheligkeit verspricht. Die Frage ist nur, mit welchen Strategien man künstlerisch gegen ein neues Regime vorgehen kann, das sich so soviele Eigenschaften angeeignet hat, welche die Kunst mal hatte, ohne dadurch aber entscheidend besser, gerechter oder sozialer zu sein als das Alte. Weil man bei diesem ganzen Gerede über Bobos und den Charme der oberen Mittelschicht nie vergessen darf, wieviel da drunter liegt - das ewige Problem solcher Diskussionen ist immer auch das penetrante in-crowd-Verhalten, bei dem nie irgendwas nach außen dringt. Also, was tun?

Thursday, 27 September 2007

Projektgeister

„Es sind nicht zuletzt diese Unschärfen, die es erlauben, nahezu alles in den Status eines Projekts zu erheben – von der Liebesbeziehung bis zum Feldzug, von der Forschungsarbeit bis zur Ferienfreizeit, von der Markteinführung eines neuen Waschmittels bis zu Inszenierung eines Theaterstücks, vom Bau eines Kraftwerks bis zu den Aktivitäten der Bürgerinitiative, die diesen verhindern will. Projekte, wohin man schaut, auch in den Höhenlagen zeitgenössischen Denkens.“

„... weil wissenschaftliche Communities schon um des Networking willen geradezu süchtig nach Vergemeinschaftsgelegenheiten sind, tourt das wissenschaftliche Personal von Konferenz zu Workshop zu Symposium und produziert dabei Sammelband auf Sammelband. Mit effizienter Forschungskommunikation, geschweige denn Erkenntnis hat all das wenig zu tun, umso mehr aber mit den Präsentationszwängen projektförmig organisierter Wissenschaft.“

Ulrich Bröckling - Das unternehmerische Selbst

Man, ich gründe eine Kommune und warte auf das Ende der Welt. Das geht ja gar nicht, grad.
Oder mal wieder weggehen und ein Bier trinken?

Tuesday, 18 September 2007

Die Regierung des Selbst

„Während Althussers Subjekt immer schon sozialisiert und darauf angewiesen ist, sich an den gesellschaftlich vorgegebenen Rollenmodellen zu orientieren, und gerade darin sein Selbstsein erfährt, muss Kafkas Ich sich zeitlebens selbst erkunden und gestalten, wohl wissend, dass es an dieser Aufgabe scheitern wird, weil der gesellschaftliche Subjektivierungsimperitiv uneinlösbar ist.“

Ulrich Bröckling - Das unternehmerische Selbst

Und das größte Problem von allen ist überhaupt, wenn sich Freundschaft und Karriere miteinander vermischen. Und im Zentrum stehen immer die ganz großen Gefühle. Und überhaupt ist das gerade alles sehr wirr und schief.


Monday, 3 September 2007

Columnize your Randomness: Part 4

In einem Interview mit der Britta-Texterin Christiane Rösinger mit dem Zuender wird die ganze Idee von Bohéme ohne fixen Arbeitsplatz ein bisschen konkreter. Das klingt dann eigentlich auch viel weniger wie ein lebbarer Entwurf für einen Großteil der Menschheit, wird nicht mehr idealisiert, und hat auch vor allem viel weniger den schalen Geruch einer Identitäts-Ideologie, die knapp am Selbstbetrug vorbeischrammt:

Zuender: Band haben, ausschlafen

Der Standard hat ein Interview mit Walter Koenig, bekannt als Chekov in der originalen Star Trek Serie. Er engagiert sich für Burma.

DerStandard: "Mehr Dörfer verbrannt als in Darfur"

Und jetzt ein Schwenker Richtung Populärkultur, wie man so schön sagt (ich glaube, pop culture bezieht sich lediglich auf das gleichzeitige Erleben eines Ereignisses, und ist insofern überhaupt keine Aussage über Qualität, Inhalt etc.):

Tank Girl, ein typisches Produkt der frühen Neunziger Jahre und ästhetisch und formal an das riot grrrl-Genre angepasst, wurde neu adaptiert, für mich ein weiterer Hinweis, welche Zeitperiode gerade wieder eine Retro-Wiedervermarktung erlebt.

Und nachgereicht: einige Sonic Youth-Konzertanmerkungen

DerStandard - Aufsässig ins Alter
Fm4 - Tell me that you gotta show me
Fm4 - Martin Blumenau: Journal '07: KW 34, Sonntag.



Thursday, 17 May 2007

Abenteuerurlaub im Netzwerkland

Wenn ich die Tagung in Salzburg zusammenfassen müsste (Migration - Integration
Perspektiven für eine Europäische Migrationspolitik), beziehungsweise meine Gefühle beschreiben, käme mir bestimmt das Wort "ambivalent" in den Sinn. Im Vorfeld der Veranstaltung, als ich zu Hause saß und mir überlegte, wie ich es schaffen sollte, meine Mutter jetzt zwei Tage lang nicht zu sehen und mit meiner panischen Angst vor neuen Situationen umzugehen, wurde mir natürlich vernünftigerweise gesagt, dass es mir wahrscheinlich gut tun würde, aus meinem Umfeld rauszukommen, und für meine ZUKUNFT wären Kontakte auch nicht schlecht. Manchmal sagt der Konjunktiv an sich ja schon mehr aus als das, was er einrahmt.
Auf der oben verlinkten Homepage kann man auch Materialien zum Thema runterladen, aber grundsätzlich sei gesagt, dass die Veranstaltung ein bisschen zerrissen war. Einerseits fanden sich auf der Bühne, in den Panels, viele Spezialisten - Politiker, Mitglieder der International Organization for Migration, Politiker, Journalisten. Die gaben durchaus interessante Informationen weiter, am ersten Tag bestanden die aber hauptsächlich aus Zahlen. Ein Problem deutet sich da schon im Ansatz an: fundierte Zahlen existieren natürlich nur für die legale Einwanderung und die Zahl der Asylwerber, alles andere ist eine geschätzte Dunkelziffer. Am Abend des ersten Tages kam es dann zu einer Art Höhepunkt: Politiker der drei größten Parteien und Vertreter der Industriellenvereinigung und der Gewerkschaft debattierten über das Thema Migration. Nach weniger als fünf Minuten war der kritische Bereich verlassen, das heißt, alle waren sich darüber einig, dass Österreich qualifizierte Migranten braucht - aus verschiedenen Gründen, einerseits, um fehlende Fachkräfte zu ersetzen, um dem schwindenden Bevölkerungswachstum entgegen zu wirken, etc. Die Folge dieses Konsens war eine absurde Kuschelrunde, mit einer Moderation, die nicht darauf aus war, die bestehenden Fragen und Dinge, die da bewusst nicht gesagt wurden, aufzuwerfen.
Das Ergebnis: ein kleinerer Aufstand des Publikums, oder zumindest von Teilen ebendiesen. Ein Problem der Veranstaltung: natürlich ist Migration ein Thema, das global behandelt werden muss, aber INTEGRATION ist eben etwas, was hauptsächlich lokal passiert, mit kleineren Initiativen, und genau denen fehlt das Geld und vor allem die Sicherheit. In den Panels saßen Vertreter der großen Organisationen, die viel zum Thema Migration zu sagen hatten, aber im Publikum waren genau diese Spezialisten, die sich in lokalen Initiativen zum Beispiel in Alphabetisierungsprojekten beteiligten, und die kamen nicht zu Wort. Ja, Integration ist ein Prozess, der nicht nur das Engagement des Einwanderers erfordert. Dem Bildungssystem kommt eine wichtige Rolle zu. Aber all diese Aussagen beinhalten keine Lösungsansätze.
Im Hinterkopft hatte ich trotzdem den Gedanken, dass man vielleicht über etwas reden sollte, dass all diese Probleme erst erzeugt: die ungleiche Verteilung des Reichtums, die in abgeschwächter Form in jedem europäischen Staat existiert, aber natürlich noch deutlicher zu Tage tritt, wenn man Europa mit anderen Kontinenten vergleicht. Ungleiche Verteilung bedingt Armut, Armut führt zu Migration (denn das Recht auf Asyl wurde von niemandem angezweifelt, selbst wenn die Aussagen, die Innenminister Platter vor zwei Wochen getätigt haben, den eigentlichen Sinn der Genfer Konventionen doch unterhöhlt haben). Wenn die Bevölkerung des aufnehmenden Landes selbst durch die prekären Arbeitsbedingungen verunsichert ist, wirkt die Zustimmung der Industriellenvereinigung zu qualifizierter Migration nur noch ironischer - wer glaubt denn wirklich, dass es hier nicht um Lohndumping geht?
Kurz gesagt: ich habe bei dieser Veranstaltung wahrscheinlich mehr darüber gelernt, wie Networking funktioniert, als tatsächlich über Migration und Integration. Ich habe keine glühenden neuen Ideen, nur die Vermutung, dass LOKAL in diesem Fall wichtiger ist als GLOBAL und dementsprechend gefördert werden muss.
Nebenbei wurde auch ein bisschen über die Gentrifizierung in Wien geredet. Genau jene Gebiete, die seit den 50er Jahren traditionell von Gastarbeitern und Migranten bewohnt werden, da die Wohnungen hauptsächlich Altbau- und Substandard sind, wurden in den letzten Jahren mehr und mehr von den jungen Kreativen, oder sagen wir ehrlich, den Bobos, besiedelt. Somit wird zum Beispiel der 16. Bezirk rund um den Yppenmarkt und den Brunnenmarkt aufgewertet, aber die Konsequenz aus der steigenden Nachfrage nach Wohnungen dort ist, dass das Gebiet insgesamt teurer wird, die ursprüngliche Wohnbevölkerung verdrängt wird, und jetzt mehr und mehr an den Rand der Stadt zieht. Gefühlsmäßig sind die Sozial- und Gemeindebeauwohnungen dieser Randzonen der Stadt allerdings weitaus gefährlichere Brennpunkte.
Die Konsequenzen für mich selbst: Ich fühle mich sicher und geborgen in der Position des Beobachters, der sich nicht einmischt. Ich habe das Gefühl, als wäre ich dies schon immer gewesen, und als hätte diese Position auch eine gewisse Berechtigung. Ein ganz kleines bisschen... ist es erschreckend zu sehen, wie sehr so eine Veranstaltung in Wirklichkeit eine Jobbörse ist. Das relativiert doch auch den ernsthaften Anspruch, oder? UND will ich wirklich Teil davon sein? Habe ich überhaupt eine andere Wahl?

Der Standard - München darf nicht Wien werden

Fachbereich Stadt- und Regionalforschung, TU Wien
SoHo in Ottakring

Thursday, 3 May 2007

Gedankenübertragung durch Osmose?

Die Zeit hat einen Artikel von Maximilian Probst, in dem der gleiche Gedanke vorkommt, den ich in meinem Versuch über "den neuen Geist des Kapitalismus" und die projektbasierte polis formulieren wollte.

"Man hat sich helfen lassen und steht in der Schuld. Die eigene Adresse wird fortan von einem anderen gespeichert und verwaltet, ganz gleich, wie unbedeutend man ist. Denn was könnte man nicht noch alles werden? »Netzwerke«, lautet das Mantra der Berufsberater dazu, »sind eine langfristige Investition.«"
An die Stelle von altruistischen Freundschaftsdiensten, die nur darauf basieren, dass man den Gegenüber mag und will, dass es ihm gut geht, tritt eine neue Art von "Handel mit Hilfe", bei der für jeden Dienst ein Gegendienst erwartet wird. Konsequenterweise wird selbstloses Handeln somit unvernünftig, es sei denn, es dient dazu, das eigene Image aufzubessern (was im Endeffekt wieder zu einem Gewinn führen kann, also nicht mehr altruistisch ist). Da besteht auch ein bisschen der Anknüpfungspunkt an die Corporate Social Responsibility und die Diskussion, die das Live-Aid-Konzert umgeben hat, in dem Hilfe hauptsächlich gut für den Helfenden ist, aber niemals zu irgendwelchen langfristigen Veränderungen führt.
Der Artikel greift auch das Konzept hinter studivz auf, mit dem ich mich selbst in den letzten Monaten (genau gesagt, seit dem 11. 3. 2007, meinem Anmeldedatum) herumgeschlagen habe. "Freunde" wird hier synonym gesetzt mit "Bekanntschaften", und an der Anzahl der Freunde eines Benutzers lässt sich leicht erkennen, wie erfolgreich oder nicht erfolgreich er innerhalb der Regeln des Netzes operiert. Lassen sich daraus auch Urteile über den Menschen selbst fällen?

"Die Zahl zählt: Ob es sich um ein soziales oder geschäftliches Netzwerk handelt, wird angesichts des sich darin niederschlagenden Zahlenfetischismus zweitrangig. Denn dem Networking liegt – bewusst oder nicht – die ökonomische Intuition zugrunde, dass sich das in der Anzahl der Kontakte manifestierende soziale Kapital auf die eine oder andere Weise immer in eine handfestere Währung ummünzen lässt."
Das Problem dabei ist, wie bei allem, der INHALT. Soziale Kontakte werden zu einer leeren Hülle ohne Tiefe (vielleicht sollte man sich um diese Netzwerker in Wirklichkeit mehr Sorgen machen als um die Teenager, die wegen "World of Warcraft" vereinsamen). Wenn man einmal mit einem "Projekt" zu tun hat, weiß man, dass die Form des Ganzen immer um einiges mehr überdacht ist als das, was letztendlich als Ergebnis heraus kommt. Wie bei jeder Art von Medium tritt der Inhalt, die Information, zurück, wird zu einem reinen Füllmaterial, zweitrangig. Meist hat das, was von einem Netzwerk produziert wird, nur so lange Bestand, bis die Beteiligten ihre Aufmerksamkeit auf ein neues Projekt richten, und da der Erfolg an der Anzahl der Projekte gemessen wird, geschieht das sehr schnell.
Die Grenzen zwischen Freunden und "Geschäftspartnern" sollten wieder deutlicher gezogen werden, sonst wird der Freundschaftsbegriff in Zukunft vollkommen obsolet.

Der ganze Artikel, aus dem die Zitate entnommen sind:

Die Zeit - Viele falsche Freunde

Thursday, 26 April 2007

Arbeit? Freizeit? Freunde? Projekt!

Wegen einem der drei Seminare, die ich dieses Jahr unbedingt haben wollte (das über Migration, welches wahrscheinlich für die Richtung, die ich unabsichtlich gewählt habe, vernünftiger gewesen wäre, habe ich nicht bekommen) muss ich mit "Der neue Geist des Kapitalismus" von Luc Boltanski und Éve Chiapello auseinandersetzen, und das trifft mich an einer sehr empfindlichen persönlichen Stelle, womit ich nicht gerechnet habe.
Erstens: Der Kapitalismus an sich hat keine Werte, er bekommt welche, wenn er die Kritik absorbiert, die andere an ihm leisten. Somit verändert er sich ständig, und ist vor allem deswegen so erfolgreich, weil das Einfügen der Kritik in das eigene System schon grundsätzlicher Bestandteil des Systems selbst ist. Im Endeffekt ist das auch der Kritikversuch, an dem Hans Weingartner in "Die fetten Jahre sind vorbei" scheitert. Was früher die 68er waren, sind heute die erfolgreichen Manager, die gerade durch ihre Kritik am Kapitalismus eine Transformation ausgelöst haben, die ihnen selbst nützt. Kritik, aufgeteilt in Künstlerkritik (die "Authentizität" verlangt und Autonomie der Arbeiter) und Sozialkritik (gegen Ausbeutung etc.), wurde absorbiert: vor allem die Künstlerkritik ist weitgehend umgesetzt. Authentizität verkauft sich besser als jemals zuvor (wie bereits die Diskussion über CSR zeigt, lässt sich Verantwortung jetzt als Lebensstil verkaufen und verliert dadurch aber jegliches Transformationspotential, das eine ALTERNATIVE zum Kapitalsmus aufzeigen könnte). Die damaligen Gegner des Systems haben in ihrer Zeit als engagierte Kritiker gelernt, was heute wichtig ist: Kommunikation, Kreativität, Flexibilität.
Wer erfolgreich ist, und nach welchen Kriterien Erfolg bewertet wird, verändert sich. Seit den 90er Jahren haben wir es mit einer neuen Form des Kapitalsmus zu tun: Der sogenannte projektbasierte. Chiapello und Boltanski sprechen von "cités", die als "polis" ins Deutsche übtragen werden. Die projektbasierte Polis ist eine Rechtfertigungsform, die zum Beispiel definiert, dass Flexibilität und Mobilität über den Wert entscheiden. Wer flexibel ist, ein großes Netzwerk hat, und dieses auch zu Nutzen weiß, ist "wertvoll", und, was noch viel wichtiger ist, er erhöht seine "employability". Projektbasiert meint auch, dass man nicht mehr von Arbeit im herkömmlichen Sinn sprechen kann. Das Individuum nimmt an Projekten Teil, fügt sie dem Portfolio hinzu. Es gibt keine wirkliche Trennung mehr zwischen Arbeit und Freizeit, das Netzwerk, welches nicht nur andere Mitarbeiter umfasst, wird auf Freunde und Familie ausgedehnt, auf alle, die man kennt, auf alle, die einem potentiell nützen können. Klingt das verdächtig hiernach? Ist es auch.
Somit werden jene, die potentiell die aktivsten und erfolgreichsten Kritiker des kapitalistischen Systems wären, zu Teilen des Systems, zu jenen, die wahrscheinlich in der Zukunft Erfolg haben werden. Man muss ja nicht gleich von Dibos reden: die guten alten Bobos tun es auch. Ich kenne jemanden, auf den die Beschreibung eines Menschen, der innerhalb einer projektbasierten Polis erfolgreich ist, passt. Immer im Stress, immer neue Projekte, und früher oder später wird sie wahnsinnig erfolgreich sein, und daran arbeitet sie, seit sie 14 oder 15 ist. Das ist bewundernswert, natürlich, aber das Schulsystem hat den Gedanken noch nicht absorbiert, dass dies die Zukunft der Arbeit sein könnte, weswegen auch nicht allzu viele Leute darauf vorbereitet sind. Wer zufälligerweise im richtigen Moment das richtige getan hat, wahrscheinlich sogar gegen sehr viel Widerstand, steht jetzt besser da. Die anderen verlieren die Möglichkeit, das System selbst kreativ mitgestalten zu können.
Ich verstehe, warum das alles nicht mehr nach dem bösen Feind Kapitalsmus klingt, und vielleicht ist eine Transformation auch alles, was man erreichen kann: aber andererseits besteht die Gefahr dieser polis doch darin, dass plötzlich das eigene Netzwerk eine Ressource ist. Was tut man mit Ressourcen? Man betrachtet sie als etwas, das ökonomisch nützlich ist, etwas, das ausgebeutet werden muss. Ich weiß nicht, wie das gehen soll, wenn man seine eigenen Freunde als nichts weiter sieht.
Ich bin das Gegenteil eines erfolgreichen Menschen in diesem Sinne. Ich habe ein kleines Netzwerk, ich frage selten, was andere Menschen für mich tun können, biete meine eigenen Fähigkeiten an, ohne Gegenleistungen zu erwarten, und bin sogar noch so verrückt, zu denken, dass die Welt vielleicht besser wäre, wenn andere auch so wären.
Das war natürlich nur ein Fragment dessen, was dieses Seminar jedes Mal mit mir anstellt, wie hilflos und zukunftslos ich mich danach fühle, und gleichzeitig irgendwie gerüstet für einen Diskurs, der immer an mir vorbeiläuft. Ein Versuch.

Mehr dazu:
Prekär / Digitale Bohemè (ich weiß, nichts ist älter als der Diskurs von gestern, aber trotzdem)
DATUM - Im prekären Treibsand
Phlow-Kritik an "Wir nennen es Arbeit" (positiv)
FAZ - Sie nennen es Arbeit

"Der neue Geist des Kapitalismus"
Mario Scalla - Arbeiten, Konsumieren, Ausgrenzen
Klaus Dörre/Tatjana Fuchs - Prekarität und soziale (Des-)Integration

andere Bücher, die ich den nächsten paar Wochen lesen sollte:

Max Weber - Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
Ryszard Kapuscinski - Afrikanisches Fieber
Markus Marterbauer - Wem gehört der Wohlstand?

was ich stattdessen lese:

Ray Bradbury - Fahrenheit 451
Bruce Sterling - Zeitgeist

Anmerkung: wtf?

Wednesday, 7 March 2007

Alle reden von CSR

Vor ungefähr einer Woche sah ich im Rahmen von Oktos Oktofokus eine Diskussion zwischen Christian Felber (von Attac), Peter Köppl, Barbara Liegl und Roman Mesicek über CSR. Ein Transkript der ganzen Diskussion findet man hier, im übrigen ist es interessant zu beobachten, wer allein schon wegen der rhetorischen Fähigkeit besser aussteigt. Auf jeden Fall hatte ich zuvor noch nie etwas von Corporate Social Responsibility gehört, bzw. kein Wort für das "seht uns an, wir sind so sozial" Gehabe diverser Konzerne gehabt(zum Beispiel die Werbespots von Puma vor der WM, die zwar recht niedlich und schön anzusehen waren, aber doch die Frage aufwerfen, was hinter dieser Fassade steckt).
Ich nehme neue Diskursfelder immer erst ernst, wenn sie in mehr als einem Medium meiner Wahl auftauchen: so ein zeitgeistiges Diskussionspotential braucht auch seine Zeit, um sich zu verbreiten, es sei denn, es ist ein hochgepushtes Lauffeuer wie diese elendigen und undurchdachten Feuilleton-Abhandlungen über Second Life und Web 2.0. Heute dann war es so weit: Falter, Seite 11f, "Kaufen und die Welt retten". Der Artikel ist leider nicht online, aber ich hoffe, dass ich nicht allzu schrecklich gehaut werde, wenn ich Robert Misik zitierte.

"Fair Trade ist zurzeit ein Hype. Aber, wie ein US-Magazin unlängst fragte: "More Hype than Hope?" [...] Ein Problem des Moralkonsums ist, dass der Eindruck erweckt wird, vernüfntiges Shopping könne Regeln ersetzten. Der "Buykott", der unmoralische Marken bestraft, indem er moralische erwirbt, funktioniert nur in ausgewählten Marktsegmenten, während manche Sparten das Aggressive praktisch in ihr Geschäftsmodell eingeschrieben ist."

Der Wikipedia-Artikel dazu ist als Einstieg sehr zu empfehlen, da er die Basispunkte zusammenfasst. Die einzige wirkliche Motivation eines Unternehmens, medienwirksam CSR (zu betreiben? zu haben? zu propagieren?) ist, dass ein besseres Image üblicherweise zu einer Gewinnsteigerung führt. Das ist eine recht absurde Situation: einererseits trifft hier auch ein Punkt zu, der in vielen Diskussionen über Second Life einfach übersehen wurde, wo mit einem gewissen Maß an Verwunderung beobachtet wurde, dass Menschen bereit sind, für nicht-reale Objekte echtes Geld zu bezahlen. Im Prinzip ist es egal, ob Prestige-Objekte echt oder digital sind, hauptsache, sie sind herzeigbar. Und wenn es gerade in bestimmten Bereichen, wenn auch niemals in allen (wer macht sich denn wirklich darüber Gedanken, ob ein Fernseher, Blumen oder Chips fair hergestellt wurden?), "in" ist, wenn CSR drauf steht, und ein Prestige-Objekt seine Wirkung verliert, wenn das nicht der Fall ist, wird der Konsument häufig auch bereit sein, einen höheren Preis zu zahlen. Im Prinzip ist CSR somit eine ähnliche Sparte wie "Bio" oder diese ganzen fettreduzierten Diätprodukte. Gezahlt wird für das Lebensgefühl, nicht für die Kosten der Herstellung, des Transports etc.
Da CSR eine Art freiwillige Selbstkontrolle ist, die dann medienwirksam an den potentiellen Konsumenten weiterkommuniziert wird, ist sie für das Unternehmen auch weitaus angenehmer als von Regierungen festgelegte Standards, an die sich das Unternehmen halten MUSS. Dass eine Fabrik den gesetzlich festgelegten Umweltstandards entspricht, ist ja nichts, womit Konsumenten beeindruckt werden könnten.

Link:
Milton Friedman: The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits (argumentiert, dass sich Unternehmen auf die Gewinnsteigerung konzentrieren müssen)